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Nürnberg war für uns eigentlich nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Regensburg. Ein paar Museen anschauen, eine Stadtführung machen, Schäufele essen – fertig. Hat nicht ganz geklappt. Denn Nürnberg ist eine dieser Städte, bei denen man ziemlich schnell merkt, dass zwei Tage eigentlich zu wenig sind.

Ankommen und Nürnberg erst einmal auf sich wirken lassen

Wir sind mit dem Auto angereist, offen gefahren, kein Stau, dafür gefühlt eine Baustelle nach der anderen. Nach vier Stunden waren wir da und haben unser Zimmer in den Astoria Apartments in der Weidenkellerstraße bezogen. Keine Rezeption, eingecheckt wird am Automaten. Funktioniert. Das Zimmer war schön, Klimaanlage vorhanden, Bad super – alles bestens.

Danach erst einmal etwas essen. Das Indo Chaska ist laut Tripadvisor die Nummer 1 der Nürnberger Restaurants. Okay. Da haben indische Bots vermutlich ein bisschen mitgeholfen. Das Essen war trotzdem lecker. Nach den Vorspeisen kamen Hühnchen und Ente Masala in Portionen, die wir nicht geschafft haben. Also Doggybag und am nächsten Tag noch etwas davon gehabt. Eine weitere angenehme Überraschung wartete direkt um die Ecke: eine unbewirtschaftete Parkfläche. Statt 4,60 Euro für zwei Stunden: null Euro. Das Auto wurde umgeparkt und blieb dort stehen.

Der schöne Brunnen ist wohl eines der wichtigsten Wahrzeichen Nürnbergs. Er steht auf dem Hauptmarkt und es gibt kaum eine Möglichkeit an den Geschichten, die sich um ihn ranken, herum zu kommen.

Dann zu Fuß in Richtung Altstadt, Pegnitz und Hauptmarkt. Nürnberg wurde im Zweiten Weltkrieg massiv zerstört und trotzdem hat man beim Spaziergang das Gefühl, durch eine mittelalterliche Stadt zu laufen. Wie das zusammenpasst, sollten wir am nächsten Tag erfahren. Vorher gab es noch einen Stopp in der Skybar beim Kino. Gute Cocktails und Preise, bei denen wir nach Gent erst einmal zweimal auf die Karte schauen mussten. Später noch drei Kugeln Eis für sechs Euro. Auch das ungefähr die Hälfte dessen, was wir kurz zuvor in Belgien bezahlt hatten. Nürnberg fing schon mal entspannt an.

Germanisches Nationalmuseum – wer reingeht, kommt so schnell nicht wieder raus

Für den nächsten Tag hatten wir einen Plan. Germanisches Nationalmuseum, Stadtführung, Schäufele und eigentlich noch ein bisschen mehr.

Großer Fehler.

Wer einmal ins Germanische Nationalmuseum geht, kommt nicht mehr raus. Jedenfalls nicht unter einem Tag.

Wir mögen Museen, die einen schlauer machen. Und das hier ist definitiv eines der besten dieser Art, die wir kennen. Man läuft nicht einfach an Tausenden Ausstellungsstücken vorbei, sondern bewegt sich chronologisch durch die Geschichte. Von etwa 10.000 vor Christus bis ins 20. Jahrhundert kann man verfolgen, wie sich Menschen, ihre Kultur, ihre Riten, ihre Kunstfertigkeit und ihr Weltbild verändert haben. Unglaublich, was hier zusammengetragen wurde.

Das Museum wurde in einem ehemaligen Kloster gegründet. Der Kreuzgang ist daher ein zentrales Orientierungselement.
Der Goldhut von Ezelsdorf/Buch ist ein 3000 Jahre altes Meisterwerk aus der Bronzezeit. Eines der bekanntesten Ausstellungsstücke aber bei weitem nicht das älteste.
Dieser Globus wurde 1493 von Martin Behaim geschaffen und ist der älteste der Welt. Da er kurz vor der Entdeckung Amerikas entstand, zeigt er die Welt noch ohne den amerikanischen Kontinent. Wäre vielleicht besser, wenn es dabei geblieben wäre.

Dumm nur, dass wir für 13:30 Uhr eine Stadtführung gebucht hatten. Also irgendwann Blick auf die Uhr, kleiner Schreck und im Eiltempo zum Hauptmarkt. Nach der Stadtführung sind wir dann natürlich wieder zurück ins Museum gegangen. Denn wir hatten ja praktisch noch nichts gesehen!

Eine Stadtführung, nach der man Nürnberg anders sieht

Unser Stadtführer war großartig. Viele Anekdoten, viel nützliche Information und vor allem Spaß an der Sache. Gleichzeitig wurden die dunklen Kapitel der Stadtgeschichte nicht ausgespart. So erfuhren wir unter anderem, dass für den heutigen Hauptmarkt im 14. Jahrhundert das jüdische Viertel beseitigt und seine Bewohner vertrieben wurden.

Und wir verstanden endlich besser, warum Nürnberg heute so aussieht, wie es aussieht. Die Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Beim Wiederaufbau entschied man sich, den historischen Stadtgrundriss zu erhalten und besonders bedeutende Gebäude wiederherzustellen. Bei vielen anderen Häusern orientierte man sich an den alten Dimensionen, ohne sie historisierend eins zu eins zu rekonstruieren.

Die Weissgerbergasse ist trotz der vielen Bombardierungen gut erhalten geblieben. Erstaunlich wenn man weiß, dass die Altstadt zu 93 Prozent zerstört wurde.
Der Henkersteg und die Spitalbrücke über die Pegnitz (siehe Beitragsbild) sind Zeitzeugen aus den letzten 500 Jahren Stadtgeschichte.

Das Ergebnis ist erstaunlich: Nürnberg wirkt bis heute wie eine mittelalterlich gewachsene Stadt, obwohl große Teile nach dem Krieg neu entstanden sind. Zwischendurch mussten wir natürlich etwas trinken. Sträflicherweise landeten wir beim bayerischen Augustiner am Dürer-Haus und nicht bei einer fränkischen Brauerei. Aber dann gleich: zurück ins Museum.

Im Nationalmuseum gab es eine interessante Sonderausstellung zum Thema Idole. Die gabs auch schon lange vor dem 21. Jdh.
Und auch ein Beuys durfte nicht fehlen. Das Werk heisst: Inspiration statt Kochbuch.

Schäufele, Nürnberger Würste und ein überflüssiger Aufstieg

Am Abend wollten wir fränkisch essen. Ein Mitarbeiter des Bratwurstmuseums, an dem wir zufällig vorbeigekommen waren, empfahl uns das Restaurant Trödelstuben. Sehr gute Empfehlung. Es gab Schäufele und Nürnberger Würste und beides war sehr lecker. Danach noch ein Eis und anschließend kamen wir auf die Idee, zur Burg hochzulaufen.

Kann man machen.

Muss man aber nicht.

Die Burg selbst ist wahrscheinlich ein tolles Ziel. Abends war sie allerdings geschlossen und nur wegen des Blicks über Nürnberg lohnt sich der Aufstieg unserer Meinung nach nicht. Der ist jetzt nicht gerade hinreißend.

Also: Burg anschauen – ja. Abends nur für die Aussicht hochlaufen – kann man sich sparen.

Neues Museum – beinahe ausgelassen und dann begeistert

Am nächsten Morgen erst einmal Kaffee im Literaturcafé. Danach stand das Neue Museum Nürnberg auf dem Programm. Wir hatten tatsächlich kurz überlegt, den Besuch ausfallen zu lassen.

Das hätten wir bitter bereut.

Schon die Architektur des Museums ist großartig. Dazu kamen tolle Ausstellungen und Arbeiten unter anderem von Günther Förg und Gerhard Richter. Wir haben dort nicht nur Kunst angeschaut, sondern viele neue Eindrücke und Inspirationen mitgenommen. Genau deshalb gehen wir gern in Museen.

Eine ungewöhnliche Architektur für ein ungewöhnliches Museum.
Nicht nur die Bilder von Richter und Förg haben uns begeistert, sondern auch ein paar Installationen im Bereich Design und Kunst.

Und dann kam das Gegenprogramm.

Das ehemalige Reichsparteitagsgelände gehört zu Nürnberg genauso wie Dürer, Bratwürste und die mittelalterliche Altstadt.

Die Dimensionen dieser Anlage sind auch heute noch verstörend. Diese Gigantomanie muss man gesehen haben, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie Architektur zur Inszenierung von Macht eingesetzt wurde.

Nürnberg war als mittelalterliches Märchenland das erklärte Ideal des NSDAP Kulturverständnisses. Hitler machte es zum Zentrum der Selbstdarstellung der Partei und der nationalsozialistischen Organisationen. Mit größenwahnsinnigen Architektur- und Raumvorstellungen. Dementsprechend (und natürlich auch aus militärischen und strategischen Gründen) sahen die Alliierten Nürnberg als Hauptziel für ihre Luftangriffe.
Bedrückend auch gestalterisch: Die Einzelschicksale der Zwangsarbeiter und der Verschleppten, Eingesperrten und Verfolgten des Naziregimes.

Die Dokumentation auf dem Gelände zeichnet die Entwicklung des Nationalsozialismus von seinen Anfängen bis zum bitteren Ende 1945 nach. Sehr gut gemacht, sachlich und gerade deshalb eindrucksvoll.

Eigentlich ein Pflichtprogramm für alle, die diese Zeit heute gerne verharmlosen. Aber wahrscheinlich sind genau die dort eher nicht zu finden.

Unser Fazit: Lohnt sich Nürnberg?

Ja.

Was für eine geschichtsträchtige Stadt. Steinzeit, Bronzezeit, Mittelalter, Renaissance, Weimarer Republik, Naziherrschaft und Wiederaufbau – kaum irgendwo liegen so viele Epochen so dicht beieinander.

Und Nürnberg schafft etwas, das uns besonders gut gefallen hat: Geschichte wird hier nicht nur ausgestellt. Sie wird erklärt. Im Germanischen Nationalmuseum genauso wie bei unserer Stadtführung oder auf dem Reichsparteitagsgelände.

Dazu kommen moderne Kunst, interessante Architektur, viele Restaurants, Kneipen und Cafés und eine angenehm stressfreie Atmosphäre.

Zwei Tage reichen für einen ersten Eindruck. Für das Germanische Nationalmuseum eigentlich nicht einmal die.

Nürnberg war für uns keine Stadt zum Abhaken, sondern eine, aus der wir tatsächlich ein bisschen schlauer wieder weggefahren sind.

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