Gent in Belgien hatten wir ehrlich gesagt lange nicht auf dem Zettel. Ein Fehler. Wir waren vier Tage dort und haben eine Stadt entdeckt, die genügend zu sehen bietet, ohne dass man von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hetzen muss. Hier sind die Orte, Restaurants und Erlebnisse, für die wir noch einmal hinfahren würden – und ein paar, die man sich sparen kann.
Die Altstadt von Gent: Mittelalter mit sehr vielen Menschen

Das historische Zentrum ist Mittelalter pur – mit sehr vielen Menschen. Aber es lohnt sich. Wir sind erst einmal durch die Gassen geschlendert, zur Graslei und auf den Korenmarkt.
Haben uns ein bisschen über den Tisch ziehen lassen: Statt 60 Euro haben wir bei einem libanesischen Restaurant mit dem Namen Beiruti 80 bezahlt, weil wir die Rechnung nicht kontrolliert haben. Muss man aber eh nicht hingehen. Und dann staunten wir über die Rechnung für drei Kugeln Eis auf die Hand: 12,50 €.
Dafür haben wir uns dann die CityCard Gent geleistet. Alle Eintritte und zwei Bootsfahrten inklusive.
Muss man gesehen haben: Der Genter Altar


Die St.-Bavo-Kathedrale mit dem berühmten Genter Altar der Brüder van Eyck ist ein Muss. Der Eintritt ist in der CityCard Gent enthalten. Wir hatten zusätzlich die virtuelle Führung – sehr empfehlenswert weil sehr informativ, kostet aber extra – und danach durften wir das Werk endlich live ansehen.
Hammer!
Wir waren beide zutiefst beeindruckt. Kein Wunder, dass die Altarbilder verkauft, gestohlen, erbeutet und verschleppt wurden. Bis auf eines sind inzwischen alle erhaltenen Originaltafeln wieder an ihrem Platz.

Grachtenfahrt: Lieber Hop-on-Hop-off
Anschließend sind wir mit dem Boot wie alle anderen Touris durch die Grachten gefahren.
Muss man nicht machen. Nur weil es im Preis der CityCard enthalten ist. Letztlich ist es eine verkürzte Stadtführung auf einem vollen Boot. Ohne Card kostet der Spass 15 Euro für 30 Minuten.
Viel besser fanden wir das Hop-on-Hop-off-Boot, mit dem wir am nächsten Tag gefahren sind. Das ist ebenfalls inkludiert.

Anyhow: Wir haben einiges über die Geschichte von Gent gelernt. Die Stadt ist mit Tuchhandel und Tuchproduktion reich geworden, war im Mittelalter eine der größten Städte Europas und hat auch während der industriellen Revolution noch Tuche produziert. Mit allen negativen, sozialen und städtebaulichen Konsequenzen die damals so eine Entwicklung mit sich brachte.
Burg Gravensteen: Viel Burg, wenig drin

Dann die nächste Attraktion: Burg Gravensteen aus dem 12. Jahrhundert. Wir hatten Glück. Die Tickets waren zwar ausverkauft, aber mit unserer CityCard: kein Problem.
Eine Burg mit viel Geschichte, aber wenig Inhalt. Denn es gibt im ganzen Gebäude nicht ein Möbelstück. Und alle analogen Infos sind nur auf Niederländisch. Das war ein bisschen sehr langweilig. Allerdings gibt es kostenlos einen guten Audioguide. Am nächsten Tag dann:
Kunst in Gent: Sollte man gesehen haben
Ich hatte Geburtstag! Schöne Geschenke und ein entspannter Start in den Tag im Café ums Eck. Wobei: In Gent gibt es eigentlich an jedem Eck ein Café. Danach erst einmal ins SMAK, das Museum für zeitgenössische Kunst in Gent. Nun ja. Ich habe schon ein paar Studentenarbeiten gesehen, die eindrucksvoller waren als manches, was da so geboten wurde.



Anschließend ging es ins Museum für Schöne Künste, MSK. Dort gab es dann so viel davon, dass wir mit dem Anschauen völlig überfordert waren. Also angenehm überfordert, denn erstens sind die Räume gut kuratiert und zweitens bekommt man neue Eindrücke, denn viele flämische Künstler sind bei uns kaum bekannt, brauchen sich aber vor den großen Meistern des Impressionismus und Realismus nicht zu verstecken. Beeindruckend!

Hop-on-Hop-off: Unsere bessere Grachtenfahrt
Danach brauchten wir ein bisschen Erholung auf dem Wasser und sind dank unserer CityCard mit dem Hop-on-Hop-off-Boot über die Grachten geschippert. Diesmal etwas entspannter und länger – und sogar durch 180 Meter lange Wassertunnel. Die wurden im 18. Jahrhundert angelegt, weil das Wasser in den Kanälen so gestunken hat. Jetzt tut es das zum Glück nicht mehr.
Unser Urteil: Wenn Grachtenfahrt in Gent, dann würden wir das Hop-on-Hop-off-Boot nehmen.


Abends dann Geburtstagsessen im Allegro Moderato. Sylke mit Muscheln, ich mit Fisch. War lecker und mit der Aussicht direkt auf die Graslei auch ein schöner Abend.
Ein Tagesausflug nach Brügge: Lohnt sich das?
Klar, wenn man schon mal in der Gegend ist, muss man sich die andere große Attraktion in Flandern auch anschauen. Wir waren nicht die Einzigen, die dieselbe Idee hatten. Im Reiseführer steht, vom Bahnhof aus müsse man einfach nur den Touristenströmen folgen, um in die Innenstadt zu gelangen. Das haben wir nicht gemacht, sondern sind rechts in den Beginenhof abgebogen.

Das war schon mal sehr interessant.
Und dann: Je näher wir dem Zentrum kamen, umso dichter wurde der Menschenauflauf. Hat uns ein bisschen an die Cinque Terre erinnert – nur dass die Straßen hier zum Glück breiter waren. Die erste Verwunderung gab es dann bei einer Waffel für 12 Euro und einem (sehr kleinen) Cappuccino für 7,50 Euro. Aber auch davor wurden wir gewarnt: In Brügge herrschen die Touri-Piraten.

Was für eine Abzocke an jeder Ecke. Aber gut, es wird ja bezahlt. Ich wusste schon, warum wir in Gent gebucht hatten. Da ist es auch teuer, aber noch erträglich.

Das Heilige Blut von Brügge – glauben wir’s oder glauben wir’s nicht?
Nach einem kleinen Bummel durch die Stadt dann das Highlight, weswegen wir u.a. hier waren: die Heilig-Blut-Basilika.

Dort wird eine Phiole aufbewahrt, die der Überlieferung nach einige Tropfen Blut von Jesus enthalten soll. Die Reliquie kam vermutlich im 13. Jahrhundert nach Brügge. Die schöne Geschichte, nach der ein Kreuzritter sie von einem Kreuzzug direkt aus dem Heiligen Land mitgebracht hat, lässt sich historisch allerdings nicht belegen. Jedenfalls war die Phiole – Blut konnten wir darin nicht erkennen – von einem Geistlichen bewacht und man konnte davor beten.
Nach unseren Erfahrungen in Israel mit dem Grab („es könnte auch dahinten gewesen sein“), der Wiege („wahrscheinlich war es nicht hier“) und der Taufe („äh, man weiß es nicht so genau“) haben wir das mit dem Blut ein bisschen entspannt gesehen.
Aber gesehen haben wir sie. Die berühmteste Reliquie von Brügge. Wenn das mit dem Kreuzritter doch wahr sein sollte, hat der Sultan, der dem Kreuzritter die Phiole überreicht hat, sich bestimmt ins Fäustchen gelacht.

Zurück nach Gent – und richtig gut essen
Dann zurück nach Gent, denn wir hatten abends eine Reservierung im rizoom. Und was soll man sagen:
Spitze!
Wir waren uns beide einig, dass wir selten besser gegessen hatten.

Erholungstag: Einfach mal nichts vorhaben
Nach der anstrengenden Reise nach Brügge stand dann am letzten Tag … gar nichts auf der Liste.
Also ganz entspannt los zum Shoppen. (Antwerpen Essentials, wenn wir schon nicht hingefahren sind)
Und essen. (Waffeln mit allem möglichen drauf, Pommes natürlich, auch mit allem möglichen drauf)

Und trinken. (Es gibt tatsächlich an manchen Ecken Alkoholfreies. Bier in 0,25Liter Flaschen, also eigentlich eine Verkostung. Wir haben immer tapfer nach alkoholfreiem Wein gefragt in den Restaurants und wurden durchgehend nur müde belächelt.)
Und Hafenkino. (Nicht ganz wie beim Segeln, aber auch hier war einiges geboten)
Und so weiter.
Man muss ja schließlich nicht jeden Tag eine Sehenswürdigkeit besichtigen.

Essen in Gent: Unsere Empfehlungen
Verhungern muss man in Gent ganz sicher nicht. (Aber Achtung: So ziemlich alle Restaurants aus dem Guide Michelin ob Stern oder nicht, haben bis Mitte August geschlossen.) Drei Restaurants würden wir nach unseren fünf Tagen besonders empfehlen.
rizoom: Unser kulinarisches Highlight
Was soll man sagen? Wir haben uns gewundert, warum das rizoom noch keinen Stern hat. Das Essen war wirklich ausgezeichnet. Für jeden Gang hatte sich die Küche eine einzigartige Kombination aus japanischer Zubereitung, regionalen und saisonalen Zutaten und kreativer Präsentation einfallen lassen. So wurde der Abend für uns zu einer Art Gesamtkunstwerk, das wir sehr genossen haben.
Wir hatten beide die alkoholfreie Getränkebegleitung – und auch da hatte sich das Team zu jedem Gang etwas einfallen lassen, das hervorragend zum Essen passte und für ganz eigene Geschmackserlebnisse sorgte. Chapeau!
Allegro Moderato: Geburtstagsessen an der Graslei
Es war mein Geburtstagsessen – und wir wurden nicht enttäuscht. Im Gegenteil: super freundlicher Service, ausgezeichnetes Essen und die Atmosphäre direkt am Wasser ist sowieso etwas Besonderes. Mein Fisch kam in einer ungewöhnlichen Kombination mit Trauben und Kartoffelstampf und hat hervorragend geschmeckt. Auch das Thunfisch-Ceviche und Sylkes Muscheln waren sehr gut zubereitet. Zum Geburtstag gab es dann noch Eis mit Feuerwerk aufs Haus. Wir können das Allegro Moderato nur empfehlen.
Le Baan Thai: Sehr gutes Thai und sogar alkoholfreies Bier
Sehr gutes Saté, die Ente war hervorragend und die Bedienung sehr freundlich – wenn auch ein bisschen gestresst. Leider konnten wir nicht draußen sitzen. Wer einen der Plätze draußen haben möchte, sollte also besser reservieren. Und dann gab es sogar alkoholfreies Bier. Unterm Strich: Wir waren sehr zufrieden und würden wieder hingehen.
Übernachten in Gent: Das Yalo Hotel
Bei der Begrüßung an der Rezeption hieß es: „Sie bekommen unser bestes Zimmer.“
Jaja, sagten wir. Das hören wir in jedem Hotel – und dann ist es die Dachkammer. Was soll man sagen: Es war die Dachkammer. Allerdings eine sehr große, bestens ausgestattete Dachkammer mit großer Terrasse und Blick auf die Skyline von Gent.
Super toll!
Das Personal war immer freundlich und das Zimmer wurde jeden Tag ordentlich sauber gemacht – mit allem Drum und Dran, was heute ja in vielen Hotels nicht mehr selbstverständlich ist. Wir waren rundum zufrieden und würden das Yalo Hotel jederzeit wieder buchen.

Unser Fazit: Lohnt sich Gent?
Ja. Unbedingt.
Gent hat uns überrascht. Wir hatten die Stadt lange nicht auf dem Zettel und würden nach dem langen Wochenende sagen: Das war ein Fehler.
Die historische Altstadt ist wunderschön, es gibt großartige Kunst, richtig gutes Essen, viel Wasser und genügend zu entdecken, ohne dass man ständig das Gefühl hat, die nächste Sehenswürdigkeit abhaken zu müssen.
Natürlich ist Gent touristisch und billig ist es auch nicht. Aber anders als in Brügge hatten wir nie das Gefühl, dass die ganze Stadt nur noch für Touristen existiert. Ein paar Straßen weiter sitzt man plötzlich wieder mit den Gentern im Café oder schaut einfach den Booten auf dem Kanal zu.
Und genau das hat uns gefallen: Wir konnten uns den Genter Altar ansehen, über zeitgenössische Kunst lästern, hervorragend essen, mit dem Boot durch unterirdische Kanäle fahren – oder einfach einen Tag lang gar nichts machen.
Vier Tage waren nicht zu lang. Und wir würden wiederkommen. (Wir wollen nämlich auch noch nach Antwerpen. Sylke vult)


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