Unsere Südafrika-Reise, Teil 7: Von Tagelöhnern, Tante Sienas Kohleintopf und einem Garten für Milliardäre.
Willkommen im reichen Südafrika
Nach Straußen, Tropfsteinhöhlen und Ronnie’s Sex Shop ging es weiter ins südafrikanische Weinland. Nach Stellenbosch.
Zunächst stand allerdings ein Fahrtag auf dem Programm. Für die rund 420 Kilometer brauchten wir immerhin sechs Stunden.
Unser Weg führte durch Montagu, das für seine heißen Mineralquellen bekannt ist, und weiter zum Weingut Van Loveren.

Hier machten wir Zwischenstation für eine Weinprobe, die zumindest für uns etwas ungewöhnlich verlief. Alle anderen bekamen sechs Gläser Wein und dazu sechs passende regionale Käsesorten. Wir bekamen ebenfalls den Käse, aber nur zwei Gläser: eines mit Rosé-Schaumwein und eines mit einem anderen alkoholfreien Schaumwein. Auf meine Frage, weshalb wir denn keine alkoholfreien Weine verkosten dürften, kam die Antwort:
„Weil wir keine haben.“
Aha.
Kurz vor der Abfahrt entdeckte ich im Verkaufsraum natürlich die beiden alkoholfreien „Almost Zero“-Weine von Van Loveren. Die nahm ich gleich mit. Damit wir wenigstens abends im Hotel noch etwas von unserer Weinprobe hatten. Was ich von dem roten Almost Zero halte, habe ich schon vorher gepostet und das erfahrt ihr hier.
Keine fünf Kilometer vom Weingut entfernt liegt übrigens eine kleine Ortschaft mit einem bemerkenswerten Namen: Geduld.
Da sind wir dann durchgefahren.
Je näher wir Stellenbosch kamen, desto gepflegter wirkte die Umgebung. Stattliche Häuser, Weinberge vor eindrucksvollen Bergkulissen und Straßen, an denen offenbar jemand regelmäßig nach dem Rechten sieht.
Alles wirkte wohlhabend, ordentlich und ein bisschen so, als hätte jemand beschlossen, die schönen Seiten Südafrikas besonders dicht nebeneinander anzuordnen. Auch unsere nächste Lodge passte wunderbar in dieses Bild.
Man könnte meinen, hier sei die Welt in Ordnung.

Aber am nächsten Tag stand das Sozialprogramm unseres Reiseveranstalters auf dem Plan. Offenbar sollten wir auch die andere Seite Südafrikas kennenlernen.
Wer zu spät kommt, bekommt keinen Job
„Schaut mal nach links und rechts“, sagte William. Am Straßenrand saßen und standen Menschen. Nicht ein paar, sondern immer wieder Gruppen von Männern, die offenbar auf etwas warteten.
Auf Arbeit, erklärte William.
Sie kommen frühmorgens aus den Townships und hoffen, dass jemand vorbeifährt, der einen Gärtner, einen Fliesenleger oder einen anderen Handwerker braucht.
„Und woher weiß der, wer was kann?“
Fragen. Manchmal haben die Leute auch ein Schild dabei. Wer einen Arbeiter sucht, hält an, fragt nach seinen Fähigkeiten und nimmt jemanden mit. Wer Glück hat, verdient an diesem Tag etwas Geld.
Und wer jetzt noch am Straßenrand sitzt?
Der hat für heute vermutlich Pech gehabt.
William sprach von ungefähr 13 Euro Mindestlohn am Tag. Ob dieser Betrag tatsächlich für die jeweilige Beschäftigung galt, sei dahingestellt. Viel Geld ist es jedenfalls nicht. Vor allem aber: Wer heute Arbeit findet, weiß noch lange nicht, ob er morgen wieder einen Auftrag bekommt. Vielleicht erst nächste Woche. Vielleicht erst in einem Monat.
Krankenversicherung, verlässliches Einkommen, Arbeitsschutz? William schilderte uns eine Arbeitswelt, in der solche Sicherheiten für viele nicht selbstverständlich sind. Und das alles mitten in einer der wohlhabendsten Gegenden Südafrikas.

Tante Siena und die Sache mit dem Mittagessen
Dann besuchten wir Kylemore, eine kleine Gemeinde im Franschhoek-Tal. Es war keineswegs das Bild eines verwahrlosten Townships, das man vielleicht erwartet hätte. Alles wirkte relativ aufgeräumt.
William meinte, dies sei ein Ort, an dem die Menschen sich zu Hause fühlten. Bei Tante Siena sah der Garten allerdings etwas anders aus. Hier hatte offenbar alles seinen Platz gefunden, was irgendwann einmal noch einen Wert besessen hatte. Und manches, dessen ursprünglichen Zweck man nur noch erraten konnte.
Tante Siena ist eine Institution. Sie betreibt eine Suppenküche.
Sie kümmert sich vor allem um Schulkinder, die zu Hause nicht immer genug zu essen bekommen. Denn wenn die Eltern als Tagelöhner arbeiten und gerade niemand einen Auftrag hat, wird das Geld für Lebensmittel knapp.
Auch die Schule kann das Problem nicht einfach auffangen. Wer von zu Hause nichts mitbringt, hat unter Umständen den ganzen Tag nichts zu essen. Tante Sienas größte Sorge sind die Schulferien.
Denn während der Schulzeit kann sie die Kinder noch einigermaßen erreichen. In den Ferien bleiben sie zu Hause. Und dort ist der Kühlschrank nicht unbedingt gefüllt.
Das ist eine dieser Informationen, bei denen einem erst einmal nichts besonders Kluges einfällt. Tante Siena hatte auch für uns gekocht.
Das war ausgesprochen freundlich und sicher gut gemeint. Aber irgendwie war es auch eine merkwürdige Situation: Wir, die gut versorgten Touristen, saßen bei einer Frau, die sich normalerweise darum kümmert, dass hungrige Kinder etwas zu essen bekommen.
Es gab Kohleintopf.
Und dann stellte sich heraus, dass der Strom ausgefallen war. Niemand war sich so ganz sicher, ob der Eintopf tatsächlich vollständig durchgekocht war. Das führte dazu, dass nicht alle von uns unbedingt herzhaft zulangten.
Zum Nachtisch gab es Büchsenobst mit Eiscreme.
Genauer gesagt: mit dem, was von der Eiscreme nach dem Stromausfall noch übrig war.
Sie war fast geschmolzen.
Wir fragten uns, was wohl mit den anderen Lebensmitteln für die Suppenküche passiert war. Aber wir sagten nichts.
Ich habe bei Tante Siena keine Fotos gemacht. Es erschien mir einfach nicht richtig.
Und vielleicht braucht diese Geschichte auch keine Bilder.

Babylonstoren – der Garten der Milliardäre
Dann das krasse Gegenprogramm.
Auf dem Weg nach Babylonstoren kamen wir durch das Franschhoek-Tal. Dort gibt es die berühmte Wine Tram.
Ein kleiner, teilweise doppelstöckiger Zug, der Touristen von Weingut zu Weingut bringt. In der Gegend gibt es eine erstaunliche Dichte an Weingütern. Und damit man sich ausgiebig die Hucke volltrinken kann, ohne anschließend noch Auto fahren zu müssen, steigt man eben in die Wine Tram. Man sucht sich seine Weingüter aus, steigt aus, verkostet und fährt mit der nächsten Verbindung weiter.
Es gibt Tagestickets. Und vermutlich Menschen, die am Ende des Tages nicht mehr ganz genau wissen, auf welchem Weingut sie eigentlich waren.
Früher hätten wir das vielleicht auch gemacht.
Jetzt nüchtern betrachtet und nach unserem Besuch bei Tante Siena, dachten wir allerdings:
Wie dekadent ist das denn?
Wenig später waren wir in Babylonstoren. Eine noch einmal ganz andere Welt.

Ein riesiges historisches Anwesen, ein Weingut, eine Gartenlandschaft, in der offenbar kein Detail dem Zufall überlassen wird.
Gemüsebeete, Obstbäume, Kräuter, gepflegte Wege, alte Gebäude, Restaurants und eine Inszenierung von Landwirtschaft, die so perfekt ist, dass man sich beinahe fragt, ob hier auch das Unkraut vorher einen Termin vereinbaren muss. Nur die Schildkröten haben einfach ihr Ding gemacht.
Alles ist schön. Alles ist durchdacht. Und alles kostet vermutlich eine Menge Geld. Hinter Babylonstoren stehen der südafrikanische Unternehmer Koos Bekker und seine Frau Karen Roos.
Bekker machte sein Vermögen in der Medien- und Technologiebranche. Besonders bemerkenswert ist die Geschichte des südafrikanischen Konzerns Naspers, der früh in das chinesische Internetunternehmen Tencent investierte. Eine Entscheidung, die sich als außerordentlich lukrativ erwies.
Karen Roos wiederum kommt aus der Welt des Designs und der Gestaltung. Sie war Chefredakteurin der südafrikanischen Elle Decoration und prägt die ästhetische Ausrichtung von Babylonstoren.
Das merkt man. Hier geht es nicht einfach darum, Wein anzubauen oder ein paar Gästezimmer zu vermieten. Hier wird eine ganze Vorstellung vom schönen Leben verwirklicht. Mit historischen Gebäuden, sorgfältig restaurierten Anlagen und einer Landwirtschaft, deren Erzeugnisse möglichst direkt auf den Tisch kommen.
Man kann das bewundern. Wir haben es auch bewundert.
Und doch ließ mich ein Gedanke nicht los.
Was macht man eigentlich, wenn man so viel Geld hat, dass man sich praktisch alles kaufen kann?
Vielleicht kauft man dann nicht mehr einfach Dinge. Sondern Landschaften, Geschichte, Schönheit und die Möglichkeit, etwas Bleibendes zu schaffen. Das ist nicht einmal unbedingt schlecht. Solche Anlagen zu erhalten, erfordert schließlich erhebliche Investitionen.
Aber der Kontrast zu unserem Besuch bei Tante Siena hätte kaum größer sein können.
Dort war schon die nächste warme Mahlzeit für die Kinder eine Herausforderung.
Hier war ein ganzer Garten bis ins kleinste Detail perfektioniert. Und beide Orte lagen in derselben Region.
An diesem Tag haben wir Südafrika vielleicht besser kennengelernt als bei mancher Safari.
Und Stellenbosch hat uns noch nachdenklicher gemacht.
Im nächsten Teil: Kapstadt – bunte Badehäuschen, Pinguine, das Kap der Guten Hoffnung und ein Berg, der sich zunächst lieber unter einer Tischdecke versteckte.
Weiter zu Teil 8: Kapstadt – Am Ende der Welt und auf dem Gipfel

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