Schon mal in Eswatini gewesen? Ihr kennt das Land nicht? Bis gestern wussten wir auch nicht, dass es dieses Land gibt. Früher hieß es Swaziland. Und kaum sind wir da, sind wir auch schon noch einmal verheiratet.
21 Kühe für Sylke
Auf siSwati. In Eswatini.
Clement, unser Local Guide, hat uns die regionalen Gebräuche erklärt. Dazu gehörte auch die Geschichte, wie ein junger Mann ein junges Mädchen erobert. Und weil Geschichten anschaulicher werden, wenn man die richtigen Protagonisten hat, erklärte er das Ganze am Beispiel von Uwe und Sylke. Es ist eine sehr lange Geschichte.
Ungefähr zwei Jahre dauert es, bis nach Zustimmung der Familien und allerlei Ritualen endlich geheiratet werden kann. Und billig ist die Sache auch nicht: In unserer Geschichte musste Uwe 21 Kühe an den Brautvater übergeben. Am Ende wird gesungen. Und erst dann sind die beiden verheiratet.
Das Lied haben Clement und unsere Busbesatzung gleich für uns gesungen. Ihr findet unsere zweite Hochzeit auch auf YouTube.

Ihr könnt Euch das Video hier anschauen.
Der Löwe und die Elefantenkuh
Eswatini ist eine Monarchie mit einer besonderen traditionellen Doppelspitze: Der König trägt den Titel Ngwenyama – Löwe, die Königinmutter ist die Ndlovukazi – Elefantenkuh. Auch im Staatswappen stehen Löwe und Elefant gemeinsam für König und Königinmutter.
Clement hat uns das sehr schön erklärt: Der Löwe steht für Stärke und Macht, die Elefantenkuh für die ausgleichende und beratende Rolle der Königinmutter. Ganz so einfach funktioniert ein Staat natürlich nicht – aber als Bild kann man es sich gut merken.
Auch Schwarz und Weiß spielen in den nationalen Symbolen eine Rolle: Sie stehen für schwarze und weiße Menschen, die friedlich miteinander leben.
Und dann gibt es noch das Swazi Gold. Davon offenbar gleich mehrere Sorten: Bodenschätze, Zuckerrohr – und Cannabis, das unter dem Namen „Swazi Gold“ bekannt geworden ist.

Die riesigen Zuckerrohrfelder ziehen sich kilometerweit an der Straße entlang, zwischendurch Ananasplantagen. Swazi Gold zum Rauchen haben wir allerdings nicht zu Gesicht bekommen.
40.000 junge Frauen tanzen
Einen Eindruck bekamen wir dagegen vom wohl bekanntesten Fest des Landes: dem Umhlanga, dem Schilftanz. Das mehrtägige Fest findet gewöhnlich Ende August oder Anfang September statt. Tausende (Clement meinte es wären bis zu 40 000) unverheiratete junge Frauen kommen dafür zusammen, schneiden Schilf und bringen es zur Residenz der Königinmutter. Am Ende wird gemeinsam getanzt. Tradition, Gemeinschaft und Spektakel liegen dabei ziemlich dicht beieinander, denn die jungen Frauen tanzen oben ohne.
Der Umhlanga wird außerhalb Eswatinis daher auch immer wieder mit der Brautwahl des Königs in Verbindung gebracht. Und spätestens bei solchen Erzählungen merkt man, dass wir uns in einer Gesellschaft bewegen, deren Traditionen sich mit unseren europäischen Vorstellungen nicht immer ohne Weiteres zusammenbringen lassen.
Bis hierhin war unsere Fahrt durch Eswatini vor allem interessant, fremd und manchmal auch ziemlich unterhaltsam. Dann erzählte uns William etwas, bei dem uns das Lachen verging.

Die andere Seite
Eswatini gehört zu den Ländern mit der höchsten HIV-Rate weltweit. Besonders junge Frauen sind betroffen. UNAIDS berichtet, dass Mädchen und junge Frauen ein deutlich höheres Risiko für eine HIV-Infektion haben als gleichaltrige Männer.
William erzählte uns von Frauen, die beispielsweise in Textilfabriken arbeiten und so wenig verdienen, dass das Geld kaum zum Leben reicht (die Rede war von 19 Euro. Im Monat wohl gemerkt!). Beziehungen zu Männern, die sie finanziell unterstützen, seien deshalb keine Seltenheit. Seine Beschreibung war drastisch: Einer zahlt die Miete, einer das Essen, einer die Kleidung.
Natürlich lässt sich die HIV-Epidemie eines ganzen Landes nicht mit einer solchen Geschichte erklären. Aber der Zusammenhang, den William uns schilderte, ist real: Armut und wirtschaftliche Abhängigkeit können sogenannte transaktionale sexuelle Beziehungen begünstigen und damit insbesondere für junge Frauen das HIV-Risiko erhöhen. Auch Gewalt gegen Frauen spielt dabei eine Rolle. Gleichzeitig hat Eswatini bei der Bekämpfung von HIV große Fortschritte gemacht. Antiretrovirale Medikamente können nicht nur Menschen mit HIV ein weitgehend normales Leben ermöglichen, sondern auch das Risiko einer Übertragung von einer HIV-positiven Mutter auf ihr Kind drastisch senken. Trotzdem bleibt die Versorgung eine große Aufgabe.
Und damit waren wir plötzlich ziemlich weit entfernt von 21 Kühen, unserer zweiten Hochzeit und einem lustigen Lied im Reisebus.
Vielleicht ist genau das Reisen: Man fährt irgendwo hin, von dem man gestern noch nicht einmal wusste, dass es existiert – und fährt mit ein paar Gedanken weiter, die man vorher nicht hatte.
Zurück zur Startseite

No responses yet