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ALTE STREUNER

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Südafrika – zwei Welten

Zwischen Traumreise und sozialer Wirklichkeit

Südafrika hat uns begeistert. Die Landschaften, die Tierwelt, die Küsten, die Menschen, denen wir begegnet sind. Wir haben eine wunderbare Reise erlebt.

Aber es gab auch Dinge, die uns erschüttert haben. Und Gespräche, die uns noch lange nach unserer Rückkehr beschäftigten. Vor allem deshalb, weil die Erklärungen, die wir bekamen, so wenig zu dem passen wollten, was wir mit eigenen Augen sahen.

Sechs Beobachtungen sind uns besonders in Erinnerung geblieben.

1. „Die Schwarzen wollen so leben.“

Das erklärte uns William, unser Reiseleiter, als wir wieder einmal an den unfertigen Häusern eines ehemaligen Homelands vorbeifuhren.

„Für die Leute ist das hier ihr Zuhause. Die Häuser sind unfertig, weil sie in der Stadt arbeiten. Dort wohnen sie in den Townships. Und wenn sie genug Geld zusammenhaben, kommen sie zurück, um an ihren Häusern weiterzubauen. Sie wollen hier nicht weg.“

Wir haben ihm das nicht geglaubt. Oder besser: Wir wollten es nicht glauben. Denn nach unserer Vorstellung lebt niemand freiwillig unter den Bedingungen, die wir in vielen Townships gesehen hatten.

Die Homelands waren Gebiete, in die während der Apartheid schwarze Südafrikaner auch zwangsweise umgesiedelt wurden. Die Townships waren räumlich getrennte Wohngebiete, häufig weit entfernt von den Arbeitsplätzen und den wohlhabenden Stadtvierteln.

Die gesetzliche Rassentrennung ist verschwunden. Ihre geografischen und wirtschaftlichen Folgen sind geblieben.

Natürlich kann William recht damit haben, dass viele Menschen an ihrer Heimat hängen, dass sie dort ihre Familien haben und irgendwann ein eigenes Haus fertigstellen möchten.

Aber daraus folgt nicht, dass sie auch mit ihren Lebensbedingungen zufrieden sind.

Und wie frei ist eine Entscheidung, wenn die Alternativen kaum besser aussehen?

2. „Die Apartheid ist doch seit über 30 Jahren Geschichte.“

„In meiner Schule haben schwarze, farbige und weiße Kinder ganz prima gemeinsam gelernt und gespielt. Das war eine tolle Zeit“, erzählte uns William.

Seine Schule liegt in Plettenberg Bay, an der Garden Route im Westkap. Mag sein, dass dort Kinder unterschiedlicher Hautfarben längst selbstverständlich gemeinsam lernen. Und vielleicht war Williams Schulzeit tatsächlich so unbeschwert, wie er sie in Erinnerung hat.

Aber wir haben auch andere Geschichten gehört.

Zum Beispiel von Tante Siena. Sie organisiert an drei Schulen in den besseren Townships Schulessen und kümmert sich darüber hinaus um Menschen in ihrer Nachbarschaft, denen es am Nötigsten fehlt.

Viele der Kinder bekommen zu Hause nicht genug zu essen. Für manche ist das Essen in der Schule die einzige richtige Mahlzeit am Tag. Siena sammelt Lebensmittelspenden und bittet immer wieder Menschen um Unterstützung, damit die Kinder versorgt werden können.

Und das wohlgemerkt in den besseren Townships.

Südafrika hat ein staatliches Schulspeisungsprogramm. Warum Siena trotzdem an drei Schulen Lebensmittel organisieren muss, wissen wir nicht. Aber dass ihre Hilfe gebraucht wird, sagt bereits einiges über die Lebensverhältnisse dieser Kinder.

Da geht es nicht mehr nur darum, ob schwarze und weiße Kinder gemeinsam auf dem Schulhof spielen. Da geht es darum, ob ein Kind mit leerem Magen überhaupt eine Chance hat, vernünftig zu lernen.

Die Apartheid endete 1994. Aber damit waren nicht plötzlich alle Familien gleich wohlhabend, alle Schulen gleich gut ausgestattet und alle Kinder mit denselben Möglichkeiten geboren.

Die gesetzliche Trennung ist verschwunden. Die ungleichen Startbedingungen sind geblieben.

3. „Für die Menschen da draußen gibt es heute keine Arbeit.“

Es war Mittag, als wir in Stellenbosch an einer Straßenkreuzung vorbeifuhren. Am Straßenrand saßen zahlreiche Menschen und warteten.

Wir fragten William, was sie dort machten.

„Für die Menschen da draußen gibt es heute keine Arbeit“, antwortete er.

Es waren Tagelöhner, die darauf hofften, für ein paar Stunden oder einen Tag angeheuert zu werden.

Der gesetzliche Mindestlohn liegt 2026 bei 30,23 Rand pro Stunde. Bei acht Stunden Arbeit sind das knapp 242 Rand am Tag. Doch selbst dieser Betrag ist für jemanden, der nur gelegentlich einen Auftrag bekommt, kein verlässliches Einkommen.

Ein Tag Arbeit, eine Woche ohne Verdienst. Wie soll davon eine Familie leben?

Im zweiten Quartal 2026 lag die offizielle Arbeitslosenquote Südafrikas bei 33,6 Prozent. Rund 8,5 Millionen Menschen waren arbeitslos.

Einige Tage später fuhren wir im Regen Richtung Port Elizabeth, das heute Gqeberha heißt.

Am Straßenrand begann eine Schlange von Lastwagen. Und sie hörte nicht mehr auf. Kilometer um Kilometer standen dort schwere Lkw, nach unserer Schätzung mindestens fünfzig Kilometer lang.

Uns wurde erklärt, dass sie ihre Fracht zum Hafen bringen wollten, dort aber wegen eines Streiks nichts abgefertigt wurde.

Wir hatten schon viele Staus gesehen. Aber so etwas noch nie. Nicht einmal an der polnischen Grenze.

Südafrika ist reich an Bodenschätzen. Gold, Platin, Kohle, Diamanten und andere Rohstoffe werden abgebaut. Dazu kommen riesige landwirtschaftliche Betriebe, Zuckerrohrplantagen, Viehherden, Industrieanlagen und Häfen.

Überall sahen wir wirtschaftliche Aktivität. Und gleichzeitig begegneten uns Menschen, die vergeblich auf einen einzigen Tag Arbeit hofften.

Natürlich schaffen moderne Bergwerke und hoch mechanisierte Landwirtschaft nicht automatisch entsprechend viele Arbeitsplätze. Aber der Gegensatz zwischen dem wirtschaftlichen Potenzial dieses Landes und der Lebenswirklichkeit so vieler Menschen ist schwer zu begreifen.

Südafrika fehlt es nicht an Rohstoffen. Es fehlt an ausreichend Arbeitsplätzen und an einer breiten Teilhabe am erwirtschafteten Wohlstand.

Wer verdient an diesem Reichtum? Und warum kommt so wenig davon bei den Menschen an, die wir in Stellenbosch am Straßenrand sitzen sahen?

4. „Hier im Westkap ist man ziemlich sicher.“

„In manchen Teilen Südafrikas würde ich nicht auf die Straße gehen“, erklärte uns William. „Aber hier im Westkap ist man ziemlich sicher.“

Für uns sah das anders aus.

Selbst an den Strandpromenaden waren Terrassen und Häuser hinter zwei Meter hohen Zäunen verschwunden. Obendrauf Stacheldraht, manchmal zusätzlich ein Elektrozaun. Hohe Mauern, schwere Tore, Überwachungskameras und private Sicherheitsdienste gehörten offenbar zum Alltag.

Anfangs dachten wir noch, wir seien vielleicht gerade in einer besonders gefährlichen Gegend gelandet.

Aber es hörte nicht auf.

Unsere Hotels waren gesichert wie kleine Festungen. Mauern, Tore, Kameras, Wachpersonal. Und hinter den Zäunen lagen wunderschöne Gärten, gepflegte Swimmingpools und komfortable Häuser.

Nach einer Woche hatten wir begriffen, dass wir keine Ausnahme beobachteten. Es schien die Regel zu sein.

William hatte auch dafür eine Erklärung: Wer sein Haus nicht entsprechend sichere, werde eben als Erster ausgeraubt.

Das mag sogar stimmen. Aber ist das nicht gerade das Problem?

Noch etwas anderes hat Sylke während unserer Reise sehr beschäftigt.

Reiseführer beschreiben die Garden Route als eine der Regionen Südafrikas, in denen auch Frauen allein reisen können. Allerdings empfehlen sie erhebliche Vorsichtsmaßnahmen: keine einsamen Wege bei Dunkelheit, sorgfältige Planung und besondere Aufmerksamkeit bei der Wahl der Verkehrsmittel.

William sah das völlig anders.

„Von wegen! Bloß nicht!“, widersprach er entschieden, als wir ihn darauf ansprachen. Er berichtete von Gewalt gegen Frauen und erklärte, er würde einer Frau niemals empfehlen, allein durch Südafrika zu reisen. Nirgendwo im Land.

Er sprach davon, dass jede dritte Frau von Gewalt betroffen sei.

Und tatsächlich: Eine landesweite Untersuchung des südafrikanischen Human Sciences Research Council ergab, dass 35,5 Prozent der erwachsenen Frauen im Laufe ihres Lebens körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren haben. Sexualisierte Gewalt allein gaben 9,8 Prozent der Befragten an.

Das sind erschreckende Zahlen. Allerdings sagen sie nicht unmittelbar etwas darüber aus, wie groß das Risiko für eine alleinreisende Touristin an der Garden Route ist. Ein erheblicher Teil der Gewalt gegen Frauen findet im persönlichen und familiären Umfeld statt.

Williams kategorische Warnung und die vorsichtigeren Empfehlungen der Reiseführer lassen sich deshalb nicht einfach gegeneinander aufrechnen.

Dass die Sicherheitsmaßnahmen nicht nur Ausdruck übertriebener Ängste sind, zeigen zudem immer wiederkehrende Berichte über schwere Gewalttaten. Hinzu kommt ein geringes Vertrauen in die Polizei.

Für Sylke blieb das Thema bedrückend. Und es beschäftigte sie weit mehr als die Frage, ob jemand versuchen könnte, in unser Hotelzimmer einzubrechen.

Wir selbst haben uns auf unserer Reise nicht ständig bedroht gefühlt. Aber die allgegenwärtigen Zäune haben uns bedrückt. Sie waren eine ständige Erinnerung daran, dass Sicherheit hier offenbar etwas ist, das man sich kaufen und hinter Mauern organisieren muss.

Und irgendwann fragten wir uns, was das mit einer Gesellschaft macht, wenn sich die einen hinter elektrischen Zäunen verschanzen und die anderen draußen bleiben.

Denn selbst für uns waren diese Zäune eine Botschaft:

Ihr seid hier nicht willkommen. Wir trauen euch nicht.

5. „Mandela würde sich im Grab umdrehen.“

Diesen Satz hörten wir von William und Sidwell, unserem Fahrer. Beide waren sich einig, dass Nelson Mandela entsetzt wäre, wenn er sehen könnte, was aus seinem Südafrika geworden ist.

Dabei hatten sich mit Mandela und dem ANC gewaltige Hoffnungen verbunden. Nach Jahrzehnten der Apartheid sollte endlich eine Gesellschaft entstehen, in der nicht mehr die Hautfarbe über die Chancen eines Menschen entscheidet.

William und Sidwell erzählten uns von Korruption, von kriminellen Strukturen im Minibustaxi-Gewerbe und von einer Eisenbahn, die für den Personenverkehr vielerorts kaum noch eine Rolle spielt.

In Kapstadt sahen wir das vom Brand gezeichnete Parlamentsgebäude. Das Feuer hatte dort bereits Anfang 2022 gewütet.

Und wir erfuhren von District Six, jenem Stadtviertel, aus dem während der Apartheid Zehntausende Menschen vertrieben wurden. Die Rückgabe des Landes und die Rückkehr der ehemaligen Bewohner sind seit Jahrzehnten vorgesehen. Doch die Umsetzung zieht sich bis heute hin.

Besonders empörte unsere beiden Begleiter der soziale Wohnungsbau. Sie berichteten von geplanten Häusern für arme Familien, von denen am Ende nur ein Bruchteil tatsächlich gebaut werde. Sie vermuteten, dass ein erheblicher Teil der vorgesehenen Mittel durch Korruption verloren gehe.

Ob ihre Schilderungen im Einzelnen zutreffen, können wir nicht beurteilen. Aber ihre Enttäuschung war unüberhörbar.

Ausgerechnet der ANC, mit dem sich die Hoffnung auf ein gerechteres Südafrika verband, muss sich heute an der fortbestehenden Ungleichheit messen lassen.

Bei der Parlamentswahl 2024 erhielt die Partei nur noch rund 40 Prozent der Stimmen und verlor erstmals ihre absolute Mehrheit. Die politische Unterstützung ist also längst nicht mehr so selbstverständlich wie früher.

Doch die Frage bleibt: Warum hat es mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid nicht gereicht, um so vielen Menschen eine bessere wirtschaftliche Perspektive zu eröffnen?

Die Apartheid erklärt, woher viele Ungleichheiten stammen. Sie kann aber nicht jede politische Entscheidung und jedes Versäumnis der vergangenen Jahrzehnte erklären.

6. „Südafrika ist ein Paradies.“

Ja. Für uns war es das in vielerlei Hinsicht.

Wir haben Elefanten im Regen beobachtet, sind durch großartige Landschaften gefahren, haben wunderschöne Küsten erlebt und in Unterkünften gewohnt, in denen es uns an nichts fehlte.

Entlang der Garden Route sahen wir herrliche Villen, gepflegte Anwesen und Wohnanlagen, in denen es sich zweifellos gut leben lässt.

Wir haben diese Reise genossen. Sehr sogar.

Aber gerade deshalb haben uns die Gegensätze so beschäftigt.

Zwischen den Villen und den Townships. Zwischen den Kindern, die auf Lebensmittelspenden angewiesen sind, und den Menschen hinter hohen Mauern. Zwischen dem Reichtum an Bodenschätzen und den Tagelöhnern am Straßenrand.

Vielleicht haben wir manches auch deshalb besonders bedrückend empfunden, weil uns während der Reise große persönliche Sorgen begleiteten. Eberhards Gesundheitszustand verschlechterte sich, und schließlich erreichte uns in Südafrika die Nachricht von seinem Tod. Das hat unsere Reise und sicherlich auch unseren Blick auf manches verändert.

Wir sind nicht nach Südafrika gereist, um die Probleme dieses Landes zu lösen. Und wir maßen uns auch nicht an, nach einigen Wochen zu wissen, wie das gelingen könnte.

Aber wir haben genug gesehen, um manche Erklärungen nicht mehr einfach hinzunehmen.

Vielleicht müssen wir dabei auch selbstkritisch sein. Wir haben viel über die Menschen gesprochen, aber zu wenig mit ihnen.

Und deshalb geht uns ein Satz von William noch immer nicht aus dem Kopf:

„Die Schwarzen wollen so leben.“

Vielleicht sollten wir sie erst einmal selbst fragen.

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